Zu unflexibel für Abenteuer?

Als eine gute Freundin in einem Gespräch letztens meinte, „So mit Kanu durch die Wildnis, das wäre auch noch was. Am besten in Alaska“ war meine erste Reaktion „Das kannste auch hier machen, dann brauchst du den Aufwand nicht betreiben“. Sie hat mich dann mit vollem Unverständnis angeschaut und gemeint, dass es doch nicht um den Aufwand gehe, sondern um das Abenteuer. Der Aufwand spiele da keine Rolle. Dieses Gespräch beschäftigt mich jetzt schon eine Weile. Bin ich langweilig geworden? Unflexibel? Das war doch früher anders…. 3 Tage nach Oslo und Lillehammer für die Stihl Weltmeistershaften? Kein Problem. Mit dem Rucksack durch Sumatra und heute nicht wissen, wo ich morgen schlafe? Ich bin dabei. Spontan mit den Kollegen abends bei einem Getränk versacken? Na klar. Und jetzt? Jetzt stresst es mich schon, wenn ich daran denke, dass ich an 2 Abenden die Woche verplant bin.

(Un)Flexibilitätsparadox

Ich merke immer mehr, dass ich irgendwie unflexibler werde, gleichzeitig aber auch mehr Flexibilität brauche. Hört sich paradox an. Ich versuche es mal zu beschreiben. Morgens werde ich geweckt von 2 tappelnden Füßen oder einem lauten „Mama, Müsli machen“. Wenn das 6.30 Uhr passiert, bin ich schon glücklich. Wenn die Nacht vorher ruhig war…unbeschreiblich. Dann geht es los, Müsli machen, Kind zum Zähne putzen bewegen und zum Anziehen überreden. Bücher lesen, Burgen bauen, Autos fahren und drängen, dass man jetzt los muss zur Kita und Arbeit. Wenn alles gut läuft oder wir zu zweit sind, klappt das alles in 1h. Wenn nicht steht mir ein schreiendes willensstarkes Kind gegenüber, dass heute definitiv nicht in die Kita will und Mama und Papa müssen auch nicht arbeiten. Irgendwie schaffen wir es dann doch aus dem Haus – mit Gummistiefeln, obwohl die Sonne scheint und kein Regen zu erwarten ist. Wo ein Wille ist, wird auch ein Weg gefunden den Willen durchzusetzen, wenn es schon nicht klappt mit dem zu Hause bleiben. Nach dem Abgeben dann zur Arbeit. Der Tag ist meist durchgeplant. Jede Minute effizient und effektiv nutzen bei einer Teilzeitstelle. Mittagessen am Arbeitsplatz, To-Do-Listen abhaken, den nächsten Tag planen, vielleicht noch in ein anderes Amt fahren für einen Termin und spätestens 16 Uhr dann das Kind wieder abholen. Die Sonne scheint noch, es gibt Eis und durch den Park laufen, vielleicht noch Spielplatz oder in den Dom. Auf dem Rückweg was zum Abendessen einkaufen. Mit dem Versprechen, dass es an der Theke bestimmt eine Scheibe Wurst gibt, kommt Kind auch entspannt mit. Dann nach Hause. Zum Ausziehen bewegen und zum Hände waschen überreden. Manchmal gibt es Alleine-Spielzeit, zurzeit aber eher „Mama spiel mit mir! Versteck mich! Bau mit mir eine Höhle! Burg bauen!“ Abendessen, Bücher lesen, zum Zähne putzen bewegen und zum ins Bett gehen überreden, Hörspiele hören und irgendwann zwischen 19.30 Uhr und 21 Uhr einschlafen. Und jetzt habe ich mal Zeit für mich oder für uns als Paar oder für Frühstück vorbereiten oder andere Dinge organisieren. Typischer Tag bei uns. Direkt auch so übertragbar auf meinen Mann. 

150% reduzierte Zeit

Wenn es also gut läuft, habe ich an einem normalen Tag 2h Zeit für mich. Im Vergleich zu meiner Zeit ohne Kind hat sich dieser Anteil um 150% reduziert. Zeit in der ich alles erledigen konnte, reflektieren konnte und spontane Freizeitaktivitäten im großen Stil stattfanden an Abenden und Wochenenden. Wenn ich jetzt daran denke, dass meine kostbaren unverplanten 2h für mich plötzlich auch noch verplant werden, steigt mein Stresspegel. Zumal ich nie weiß, ob es 2h sind oder auch nur 30 Minuten. Ob ich Termine absagen muss, weil ich das Kind aus der Krippe abholen muss, wegen Krankheit und abends dann nacharbeite. Ob Kind mitmacht oder schreiend vor dem Eisregal im Supermarkt steht und ich 30 Minuten brauche die Situation zu entschärfen. Ich brauche also mehr Flexibilität für solche Situationen, gleichzeitig bin ich unflexibler, weil meine Zeit einfach nicht mehr zu meiner freien Verfügung steht.

Gedankenwirrwarr Erkenntnisse

Und jetzt? Keine Abenteuer mehr in Alaska oder Sumatra? Keine Spontanität? Sich dem Schicksal ergeben? Irgendwie will ich mich damit nicht zufrieden geben. Und ich mache das, was mir immer hilft: Ich rede darüber. Ich analysiere, stelle mich Fragen von Freunden und meinem Mann, versuche den Wirrwarr an Gedanken in Worte zu fassen und zu einer Lösung zu kommen. Noch ist sie nicht da, aber ein paar Erkenntnisse gibt es schon.

  1. Reden hilft immer. Sich und seine Gedanken Fragen und anderen Perspektiven auszusetzen schafft Klarheit und öffnet den Blick.
  2. Pay yourself first. Es tut gut mich in den Vordergrund stellen. Meine Gedanken einfach mal nur um mich kreisen zu lassen und Ideen für mein Wohlbefinden zu sammeln.
  3. Ich habe einen tollen Mann. Wichtige Erkenntnis in so einem Prozess, der sich mit Selbstzweifeln und Ängsten auseinandersetzt. Er steht hinter mir, nimmt mich Ernst, gibt mir Freiraum, hört zu, stellt Fragen, ist nicht belehrend, fragt immer wieder nach, was sich getan hat, freut sich mit mir über kleine Schritte und Erkenntnisse, bringt Ideen ein.

Ich werde diesen Prozess noch eine Weile gehen und bin sehr gespannt, welche Erkenntnisse ich gewinnen werde. Ich bin auch gespannt, ob es unter den Leserinnen ähnliche Gedankenprozesse gibt oder gab? Schreib gerne hier oder eine E-Mail.

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