Mit Zielen im Zwiespalt

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Meine Beziehung zu Zielen ist glaube ich eine zwiegespaltene. Auf der einen Seite finde ich Ziele wichtig, weil sie einem Fokus geben und Struktur. Egal ob es den Tag angeht oder ein Gespräch. Ich habe so mehr Kontrolle über das Ergebnis, kann so besser planen und weiß auch, wann ich fertig bin. Auf der anderen Seite finde ich, dass Ziele mich einschränken, mir Freiheit nehmen. Vor allem große Ziele. Was wenn das Ziel irrelevant wird und ich merke es nicht, weil ich so fokussiert darauf bin oder das Ziel schränkt mich ein und ermöglicht es mir nicht andere Dinge zu tun, weil es den ganzen Raum einnimmt. Ich habe mal ein wenig in meiner Vergangenheit gekramt für eine Erklärung und dazu muss ich euch von einer Freundin erzählen.

Ziel und Berufung mit Hindernissen

Eine Schulfreundin von mir wusste schon mit 13 Jahren was sie werden wollte. Ärztin. Sie hatte ein Ziel. Ein Ziel für ihre berufliche Zukunft in einem Alter als ich noch keine Ahnung hatte, was meine Zukunft mal bringen soll. Mal fand ich den Beruf toll, mal einen anderen. Ich war fasziniert. Alles in ihrem Leben war auf dieses Ziel ausgerichtet. Jede Sommerferien hat sie ein Praktikum im städtischen Krankenhaus gemacht. Sie hat im Gymnasium den naturwissenschaftlichen Zweig gewählt. Sie hat Biologie im Leistungskurs ausgewählt. Sie hat alles gemacht, um diesem Ziel näher zu kommen. Und dann hat ihr Notenschnitt nicht zum NC für Medizin gepasst. Ihr Ziel blieb bestehen. Sie hat eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen und sich jedes Jahr bei allen Medizin Unis beworben. Nach 3 Jahren und abgeschlossener Ausbildung hat sie einen Platz an einer Uni bekommen. Das Studium fiel ihr schwer. Sie war immer schon mehr die Praktikerin. Dann ist sie durchs Physikum gefallen. Sie hat nicht aufgegeben. 1 Jahr später hat sie es im 2. Anlauf bestanden. 4 Jahre später mit viel Fluchen hat sie es dann endlich geschafft und konnte ihre Facharzt-Ausbildung beginnen, anfangen Bafög zurückzuzahlen und ein wenig zu sparen. 3 Jahre später kam ein Kind und weitere 4 Jahre später schließt sie den Facharzt endlich ab. Wir haben die 3. Corona Welle, sie flucht über 48h Dienste, Nachtschichten, Dienste, die sie übernehmen muss, weil Kollegen krank sind und eine mangelhafte Corona Politik und fehlender Schutz des medizinischen Personals am Klinikum. Sie hat Stunden reduziert, um mit Pendeln und Kind und Partner, der auch Arzt ist, irgendwie auch mal Zeit zu haben zum Atmen. Teilzeit und Medizin verträgt sich aber irgendwie nicht. „Augen auf bei der Berufswahl“, hat sie letztens gesagt.

Und ich stehe daneben und bin immer noch fasziniert. Meine Faszination hat vor allem damit zu tun, dass ich nie diesen Plan von meinem Leben hatte. Nie einem Ziel so passioniert gefolgt bin. Nie große Hürden überwinden musste, um zu einem Ziel, das ich mir gesetzt hatte, zu kommen. Wenn ich mir meinen beruflichen Weg im Vergleich dazu anschaue, dann ist dieser geprägt von Optionen, Möglichkeiten und ständig wechselnden Richtungen. Going with the flow schein eher mein Motto zu sein.

Spaß oder Ziele? Hauptsache Freiheit!

Während der Schulzeit war mein einziges Ziel ein gutes Abi zu machen – weil es mir Freiheit gab. Mit guten Noten konnte ich mir aussuchen, was ich machen wollte. Ich habe keine Praktika in Firmen gemacht, die zu einem großen Ziel passten. Meine Zeit war gefüllt mit Lesen, Chor-Proben und -Reisen und ein wenig Ferienarbeit. Ich habe nicht wie meine Freundin mit Hinblick auf ein Ziel den naturwissenschaftlichen Zweig gewählt, sondern den musisch künstlerischen und habe Theater gespielt. Weil ich daran Spaß hatte. Ohne Ziel, einfach nur, weil ich es mochte. Statt um Experimente und Vertiefung in MINT Themen ging es um die Gestaltung der Probenarbeit, um Diskussionen über Interpretationen, um die Entwicklung der Charaktere und die Zusammenarbeit als Team. Mein duales Studium habe ich nicht gewählt, weil ich damit ein großes Ziel verbunden habe. Ich hatte Mitschüler darüber reden hören. Sie hätten sich beworben. Es wäre ganz cool, man hat einen Ausbildungsplatz und studiert. Praxis und Theorie kombiniert. Fand ich gut. Studieren und Geld verdienen, hörte sich nicht schlecht an. Ich habe mir also eine Duale Hochschule herausgesucht, die interkulturell aufgestellt war, mich bei einer Firma beworben und es hat geklappt. Ziel des Studiums? Irgendwas mit BWL. Ich behalte also meine Freiheit, damit kann man alles machen, solange die Noten stimmen. Nach 3 Jahren hatte ich auf Englisch studiert, einen Doppelabschluss, wusste wie ein mittelständisches Unternehmen funktioniert, konnte unter Druck arbeiten, da wir alle 2 Wochen Prüfung hatten, wusste wie ich mich alleine in einem fremden Land durchschlagen muss durch mein Auslandssemester und hatte keine Schulden.

Vom Gefunden werden

Ich wusste allerdings immer noch nicht, was ich machen wollte. Ich hatte kein Ziel. Ich wurde dann auch von meinem ersten Job gefunden – nicht umgekehrt. Jobbörsen machen es möglich. Account anlegen, Lebenslauf hochladen, von Recruitern gefunden werden. Und so bin ich mit 21 Jahren, 2 Koffern und dem Versprechen von einem Arbeitsvertrag nach München gezogen. Die folgenden 13 Jahre gestalteten sich ähnlich wie mein Leben bis dahin. Das was ich machte, machte ich gut bis sehr gut. Die Ergebnisse sprachen für sich. Beförderungen folgten. Habe ich darauf hingearbeitet? Nein, sie wurden mir eher angeboten, weil sie Teil des Systems waren und ich in diesem System gut funktioniert habe. Weil ich wusste, dass mir das wieder alle Türen öffnet – neue Bereiche aufbauen. Rollen wechseln, externe Schulungen bekommen, flexibles Arbeiten, Freiheit bei der Ausübung aller Tätigkeiten. Wahrscheinlich wäre es so weiter gegangen, hätte ich nicht meinen Job verloren. Umstrukturierung. Man braucht mich nicht mehr. Und plötzlich hatte ich Zeit. Plötzlich hatte ich kein System, in dem ich funktionieren konnte. Plötzlich musste ich mir überlegen, was sich will. Das war vor einem Jahr. Ich habe immer noch kein Ziel gefunden. Aber eine Passion – Potential entfalten. Ich habe immer noch nicht den einen Beruf, der mein Leben bestimmt. Aber viele verschiedene Ideen, die mich faszinieren. Ich habe immer noch keinen Masterplan, aber das ist OK. Ich habe viel gelernt:

1. Über mich

Wer bin ich ohne System? Was fasziniert mich? Womit will ich meine Zeit verbringen? Was brauche ich, um glücklich zu sein?

2. Über die Beziehung zu meinen Eltern, meinem Sohn und meinem Mann

Wer bin ich als Frau, Mutter, Kind, Ehefrau? Wie will ich die Beziehungen gestalten? Welche Werte begleiten mich? Welche Glaubenssätze habe ich?

3. Über die Zeit

Zeit ist kostbar. Du kannst sie nicht kaufen, anhalten oder speichern.

Zeit ist wertfrei. Du verleihst ihr Wert. 

Zeit heilt alle Wunden. Du brauchst sie zum Verarbeiten und Abschied nehmen.

Alles hat seine Zeit. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht (Afrikanisches Sprichwort).

Und mit all dem, was ich auf meinem Weg mit all den Abzweigungen, Umwegen, Sackgassen oder auch Möglichkeiten gelernt habe, habe ich mir ein Leben aufgebaut, in dem ich mich wohlfühle. In dem Ziele Teil meines Lebens sind, sie aber nicht mein Leben bestimmen. Und das fühlt sich gut an.

Was sind eure Erfahrungen mit Zielen? Ich freue mich auf euren Kommentar oder eine Nachricht.

Eure Franziska

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