Über die Kunst des Lassens

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Wenn man loslässt, hat man zwei Hände frei.

Das hört sich logisch an. Für einen Umbruch brauche ich alle Energie und Gliedmaßen, die ich habe. Um einen Neustart zu meistern, muss ich anpacken, die Ärmel hochkrempeln. Wenn ich noch in der Vergangenheit festhänge, klappt genau das nicht. Klingt plausibel. Wenn es doch so logisch ist, warum ist es dann so schwer? Warum stecken wir oft in einer Situation fest, die uns emotional nicht guttut, aber aus der wir auch nicht herauskommen? Wir trauern so sehr dem Alten, was war, nach, dass wir die guten Seiten des Neuen gar nicht sehen oder gar nicht erst wahrhaben wollen. Und so verharren wir in destruktiven Gefühlen. Oder leben in der Vergangenheit. Gesund ist das nicht. Weder für uns, noch für unsere Mitmenschen. Es kann verbittern. Es kann rachsüchtig machen. Es kann lähmen.

Abschied ist ein wichtiger Teil der Veränderung

Und damit es nicht so weit kommt, ist es wichtig erst einmal festzustellen, dass man sich gerade mit dem Abschied schwertut. Dass einen die Veränderung gerade zusetzt und man Schwierigkeiten hat von jetzt auf gleich die neue Realität anzuerkennen. Und dann ist es wichtig sich auf den Prozess einzulassen. Es dauert. Es gibt nicht umsonst die 7 Phasen der emotionalen Reaktion bei abrupten Veränderungen (nach Richard K. Streich) oder auch die 7 Phasen von Abschied genannt. Ja, Abschied nehmen von geliebten Personen. Nach einem Todesfall oder auch nach einer Trennung. Diesen Prozess geht wahrscheinlich jeder. Hier geht es aber auch um die Abschiede auf eher sachlicher Ebene: Der Abschied von einem liebgewonnenen Shampoo, das plötzlich nicht mehr produziert wird. Der Abschied von Stift und Papier, wenn plötzlich die E-Akte eingeführt wird. Der Abschied von einem Job und Arbeitgeber, bei dem man 13 Jahre gearbeitet hat. Der Abschied von Traditionen, die dieses Jahr wegen Corona nicht lebbar sind. Der Prozess ist immer der gleiche: Unverständnis, Verneinung, Rationale Akzeptanz, Tal der Tränen, langsam wieder bergauf und Motivation finden und sich anpassen an die neue Situation. Mal merkt man ihn gar nicht, aber je bewusster man sich dieser Vorgänge ist, umso einfacher schafft man es auch in den großen Abschiedssituationen weiterzugehen und nicht stecken zu bleiben.

Aber was sagt Streich denn jetzt eigentlich zum

7-Phasen-Modell (1997):

  1. Schock!

„Nein, das kann nicht wahr sein! Das ist unmöglich, dass meine Stelle gestrichen wird!“ Die Realität entspricht nicht den eigenen Erwartungen. Hiermit einher geht eine Lähmung, eine Vielzahl von Reaktionen. Weinen, Schnappatmung, der Wunsch jemandem sofort davon zu erzählen… Man nimmt seine eigene Kompetenz mit der Veränderung umzugehen eher niedrig wahr.

  1. Ablehnung!

„Nein, das stimmt nicht! Ich bin toll und kompetent und wichtig und ich kann den Job machen!“ Das Selbstvertrauen steigt in dieser Phase an. Man hat das Gefühl ungerecht behandelt worden zu sein, man akzeptiert die Entscheidung nicht und wehrt sich. Argumentation, Demonstration, Anschuldigungen, Denen-zeig-ichs-Einstellung.

  1. Einsicht!

„Es ist schlimm, aber vielleicht bin ich ja doch nicht die richtige für den Job.“ Hier geht es um die rationale Akzeptanz der Situation. Man findet Erklärungen, Fakten, die den Schritt belegen und sieht die Notwendigkeit, der Vorgehensweise. Gleichzeitig steigt die Unsicherheit in seine eigenen Fähigkeiten wieder an.

  1. Akzeptanz!

„Nagut, OK. Es ist jetzt einfach Zeit zu gehen.“ Hier folgen die Emotionen und man akzeptiert die Situation. Einher geht hiermit eine gewissen Resignation, eine tiefere Unsicherheit, ob man kompetent genug ist damit umzugehen, man nennt es auch das Tal der Tränen. Man sagt nicht umsonst, dass Tränen heilsam oder reinigend sind und dabei helfen loszulassen.

  1. Lernen!

„Ich werde lernen ohne den Job zu leben und mir mein Leben neu gestalten.“ Dieser Schritt ist genauso stark Lernen damit umzugehen wie sich die neue Realität anfühlt und wo man selbst steht, als auch ausprobieren und testen, was in der neuen Realität funktioniert. Hier kann man sich ein wenig in die eigene Kindheit zurückversetzen lassen – mit Neugier die große Unbekannte meistern.

  1. Erkenntnis!

„Es klappt ja wirklich! Mein neues Leben ist toll und ich kann auch ohne die Routine, die ich 13 Jahre kannte!“ Die Kompetenzkurve ist stark ansteigend und man fühlt sich immer mehr mit der neuen Situation vertraut. Man hatte erste Erfolgserlebnisse und die Komfortzone, die man so schmerzhaft verlassen hat, hat sich schon ein wenig gedehnt und erweitert und erkennt die neuen Verhaltensweisen als akzeptabel an. Positiver Zukunftsausblick, Motivation und Selbstvertrauen sind stark zu spüren.

  1. Integration!

„Ich liebe mein neues Leben und meine neuen Routinen und Verhaltensweisen sind schon selbstverständlich geworden.“ Die Veränderung ist Vergangenheit, man fühlt sich angekommen in der neuen Realität und hat für sich neue Wege gefunden, die sich gut anfühlen und schon Teil der erweiterten Komfortzone.

In meinem speziellen Fall mit der Stellenwegrationalisierung und den fehlenden Alternativen bei meinem Arbeitgeber hat der Prozess fast 11 Monate gedauert. Einige Phasen haben länger, andere kürze gedauert. Zwischendurch gab es auch Zwischen-Phasen – neue Realitäten, die noch nicht die finale Version waren, aber für die man auch neue Verhaltensweisen erlernen musste. In Phase 2 und 4 hing ich auch einige Zeit fest. Hier hat mir Coaching geholfen mit der tollen Sabine Hornig. Und seit Oktober bin ich in Phase 7 und fühle mich sehr wohl.

Alle 7 Phasen sind wichtig bei einem Umbruch – brauchen Energie und Zeit. Der Neustart kann erst gelingen, wenn man die Vergangenheit für sich verarbeitet hat. Und nicht umsonst spricht Ernst Ferstl von der

„Kunst des Lassens: Zulassen, Weglassen und Loslassen.“

In welcher Phase steckt ihr? Mit welcher Phase tut ihr euch am Schwersten? Ich freue mich über euren Kommentar oder eure Mail.

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